BESONDERHEITEN DER OPERATIONSTECHNIK

Wie an anderer Stelle geschildert (….) beginnt der Verschleißprozess der Wirbelsäule in einem oder mehreren Bewegungssegmenten meistens mit einer Verschmälerung des Bandscheibenfaches. Hierdurch ändert sich einerseits Art und Umfang der Bewegung des einzelnen Segmentes und andererseits die statische Belastung des ganzen benachbarten Wirbelsäulenabschnittes. Langfristig kann diese Fehlbewegung und -belastung daher auch die angrenzenden, anfangs nicht betroffenen Nachbarregionen schädigen.
Aus diesen Überlegungen folgt umgekehrt, dass es bei der operativen Reparatur eines geschädigten Wirbelsäulenabschnittes ganz wesentlich darauf ankommt, wieder möglichst normale Verhältnisse sowohl hinsichtlich der Höhe und des Öffnungswinkels des Bandscheibenfaches als auch hinsichtlich Art und Umfang der Beweglichkeit wiederherzustellen – wenn es die degenerativen Veränderungen zulassen.
Das Problem besteht jedoch darin, dass die „normalen Verhältnisse“ bei jedem Individuum anders sind. Menschen unterscheiden sich in Körpergröße und –gewicht, in der Größe und Festigkeit der Wirbelkörper sowie in der äußeren Form und der Beweglichkeit der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte. Diese individuellen Besonderheiten sind bei der Operationsplanung zu berücksichtigen und zwar unabhängig davon, ob man den Einsatz einer künstlichen Bandscheibe oder eine Stabilisierung eines Wirbelsäulenabschnittes durch ein Schrauben-Stab-System plant. Die möglichst genaue Wiederherstellung der individuellen Wirbelsäulengeometrie ist aus unserer Sicht die beste Garantie für einen langfristigen Erfolg – auch im Hinblick auf die Vermeidung einer Überlastung der angrenzenden Wirbelsäulenabschnitte (Anschlußdegeneration).
Aus diesen Gründen legen wir in der präoperativen Planung großen Wert auf die Analyse der individuellen Charakteristika, wie z.B. der Beweglichkeit. Wir verfügen zu deisem Zweck über eine eigene Software, die anhand von prä- und intraoperativen Messungen das individuelle Bewegungszentrum ermittelt.
Wenn die Entscheidung gefallen ist, eine künstliche Bandscheibe einzusetzen, dann richtet sich die Auswahl des geeigneten Modelles der künstlichen Bandscheibe einerseits nach diesen anatomischen Vorberechnungen und andererseits nach einer intraoperativen Druckmessung im Bandscheibenfach, mit der der Vordehnungsdruck des Bandapparates im Verhältnis zur Höhe des Bandscheibenfaches bestimmt wird.
Das Implantat muss folgende Anforderungen erfüllen:
- breitflächige Abdeckung der benachbarten Grund- und Deckplatte
- Wiederherstellung der individuellen Geometrie des Bandscheibenfaches
- optimale Wiederherstellung der individuellen Bewegungszentrums
Da es zur Zeit noch keine individuelle anpassbaren Bandscheibenprothesen auf dem Markt gibt, erfordert die Auswahl des passenden Implantates eine große Erfahrung. Wir haben über1000 derartige Eingriffe in unserer Klinik durchgeführt.
Allerdings erlauben es die jeweiligen anatomisch pathologischen Veränderungen nicht immer eine künstliche Bandscheibe zu implantieren.
Unter folgenden Bedingungen halten wir eine Stabilisierung für sinnvoller:
Die knöchernen degenerativen Wirbelveränderungen sind bereits sehr weit vorangeschritten.
Es liegen Wirbelsäulenverkrümmungen, Wirbelgleiten oder vorgeschädigte Grund- und Deckplatten vor.
Zu geringe Knochendichte (Osteoporose) im Verhältnis zum Körpergewicht und der Auflagefläche für die Prothese.
Entzündliche Veränderungen im Bandscheibenfach.
Eine Abstützung des Implantates am knöchernen Rand des Wirbelkörpers ist nicht möglich.
Wir beraten den Patienten individuell, welche Methode für ihn die beste ist. Oberste Priorität hat stets die Erhaltung der Beweglichkeit.
Es klingt zwar paradox, aber auch eine Stabilisierung des schmerzhaften Wirbelsäulenabschnittes kann zu einer Verbesserung der Beweglichkeit führen, weil die instabilitätsbedingten Beschwerden nach der Operation nicht mehr vorhanden sind. Eine Stabilisierung (Fusion – Versteifung) eines oder mehrerer Bewegungssegmente bedeutet also keineswegs, dass man hinterher steif ist und sich nicht mehr bewegen kann. Das Gegenteil ist oft der Fall.
Das Einbringen eines Implantates – sei es nun künstliche Bandscheibe oder Platzhalter – zwischen zwei Wirbelkörper mit dem Ziel der Wiederherstellung der individuellen Wirbelsäulengeometrie setzt allerdings voraus, dass das Bandscheibenfach nach allen Seiten hin eingesehen werden kann und sämtliche Faser- und Knorpelanteile ausgeräumt werden. Nur dann kann die ursprüngliche Bandscheibenhöhe wieder hergestellt werden.
Diese Kontrolle des Bandscheibenfaches ist am besten möglich, wenn man nicht nur im Bereich der Halswirbelsäule, sondern auch im Bereich der Lendenwirbelsäule streng von vorne zugeht. Der diesbezüglich für die Lendenwirbelsäule erforderliche vordere bauchseitige Zugang wurde eigens an unserer Klinik entwickelt. Über diesen Zugang lässt sich sowohl im Bereich der Hals- als auch der Lendenwirbelsäule eine effektive mikrochirurgische Druckentlastung des vorderen Wirbelkanales und der Neuroforamina durchführen. Aus anatomischen Gründen kann dieser Zugang allerdings nur zwischen dem 3. Lendenwirbel und dem Kreuzbein durchgeführt werden. In diesem Bereich liegt allerdings auch das Gros der degenerativen Veränderungen. Bei allen Veränderungen oberhalb des 3. Lendenwirbels muß ein seitlicher Zugang gewählt werden.
Mikrochirurgie des vorderen Zuganges
Der vordere, streng mittige Zugang zur Lendenwirbelsäule wird auch als ALIF-0°-Zugang bezeichnet; ALIF steht dabei für Anterior Lumbar Interbody Fusion. Um Komplikationen bei diesem Zugang möglichst zu vermeiden, werden vor dem Eingriff die Bauchorgane einschließlich der Gefäße computertomographisch dreidimensional dargestellt. Dadurch ist der Operateur auf etwaige individuelle Besonderheiten vorbereitet und es kann der schonendste Zugang gewählt.
Vorteile der Methode: Weitgehende Schonung vor der Wirbelsäule gelegenen Strukturen, geringer Blutverlust und hierdurch bedingten hoher postoperativer Komfort: durch den kleinen mikrochirurgisch durchgeführten Zugang hat der Patient kaum Schmerzen und kann sich postoperativ sofort bewegen und belasten.




